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NP 24.07.2004 ARTENHILFSPROGRAMM IN UNTERFRANKEN
Edelkrebse sollen wieder heimisch werden Im Weißfichtensee werden seit zehn Jahren Flusskrebse auf- und nachgezüchtet, um sie später in Gewässer umzusetzen Von Michael Will
WELKENDORF - Sein Name ist „astacus astacus“. Er lebt meist in dunklen Höhlen und sucht
Schutz unter Steinen. Wenn er nachts nicht gerade auf Beutefang ist, lebt er ansonsten sehr zurück gezogen. Allerdings kann die Begegnung mit dem kleinen Gesellen für Menschen durchaus
schmerzhaft sein, wenn er mit seinen beiden kräftigen Zangen beispielsweise einen Finger oder
Fußzehen genauer „inspiziert“. Die Rede ist vom Flusskrebs, der dank intensiver Bemühungen der
Fischereifachberatung des Bezirks Unterfranken unter Mithilfe des Staatlichen Forstamtes Ebern in den unterfränkischen Gewässern wieder alte Lebensräume zurück erobert.
Mit der zunehmenden Industrialisierung und der Verschmutzung der Gewässer, der Gewässerverbauung und vor allem durch die Einschleppung der „Krebspest“ – eine durch Pilze
verursachte seuchenartige Krankheit –, wurden nämlich einst innerhalb weniger Jahre die
Krebsbestände in den meisten deutschen Gewässern vernichtet, erklärt Leitender Fischereidirektor
Dr. Peter Wondrak von der Fischereifachberatung des Bezirks Unterfranken. Die beiden heimischen
Krebsarten sind der Fluss- oder Edelkrebs und der kleinere Steinkrebs. „Beide stehen heute auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten.“
Und weil es um die Krebse so schlecht bestellt ist, hat es sich die Fischereifachberatung zum Ziel
gesetzt, die Tiere in den heimischen Gewässern wieder anzusiedeln – und hat damit erste Erfolge. Was vermutlich nur die wenigsten wissen:
Der Weißfichtensee bei Welkendorf dient im Zuge des „Artenhilfsprogramms Flusskrebs“ als
Aufzuchtgewässer. Die Bedingungen dort sind ideal: Ausschließlich sauberes Wasser, weiß Forstdirektor Christoph Fellermeyer, fließt aus dem umgebenden Staatswald und auch aus
Privatwäldern in den See. Das Wasser erscheint zwar etwas trübe, ist aber von bester Qualität.
Und das weiß der Edelkrebs in dieser insgesamt rund 0,5 Hektar großen „Kinderstube“ zu schätzen.
Die Tiere vermehren sich zusehends, sodass pro Jahr über 1000 zwei- bis dreijährige Flusskrebse für Besatzmaßnahmen im Rahmen des Artenhilfsprogramms entnommen werden können, wie
Werner Müller von der Fischereifachberatung des Bezirks sagt. „Die Flusskrebse werden mit speziellen Krebsreusen gefangen und in die vorgesehenen Fließgewässer umgesetzt.“
Zum Erfolg beigetragen hat die hervorragende Zusammenarbeit zwischen der Fischereifachberatung und dem Staatlichen Forstamt Ebern, wie Vertreter beider Institutionen am
Freitagmorgen bei einem Pressegespräch bei strömendem Regen in einer Schutzhütte neben dem Weißfichtensee betonen. Denn der ehemals privat genutzte See ist seit Ende 1992 im Eigentum
des Eberner Forstamtes. Dieses entschied sich damals dafür, den See naturnah zu belassen. Erstmals erfolgte 1994 ein Besatz von Edelkrebsen im Weißfichtensee.
Die Nutzung des Areals als Freizeiterholungsanlage samt Badesee schließt sich dabei nicht aus, wie Dr. Peter Wondrak erklärt. Edelkrebse und Schwimmer kommen sich nicht in die Quere,
schließlich sind die possierlichen, bis zu 20 Zentimeter großen und bis zu 300 Gramm schweren
Tierchen nachtaktiv und leben tagsüber, wenn die Schwimmer ihre Bahnen im Wasser ziehen, in ihren Höhlen am Ufer oder haben unter Steinen Quartier bezogen.
Seit 1. April 1999 gibt es nunmehr eine vertragliche Nutzung des Sees durch den Bezirk
Unterfranken zur „extensiven Erhaltung und Aufzucht von gefährdeten Fischarten und Krebsen“.
Noch Mitte April 1999 wurden 500 einjährige Edelkrebse in den See eingesetzt. Die Auf- und Nachzucht ist so erfolgreich, dass seit 2001 jährlich rund 1000 Edelkrebse wieder entnommen
werden können. Zu Beginn der Bemühungen um die Wiederansiedlung des Flusskrebses in heimischen Gewässern
waren der Fischereifachberatung im Jahr 2001 nur noch sehr wenige isolierte Populationen in abgelegenen Gebieten bekannt. Deshalb wurde als Folgemaßnahme der Fischkartierung ein
Programm zur Wiederansiedlung des Flusskrebses in Unterfranken gestartet. Als Grundlage für die Maßnahme muss zunächst eine Erfassung der Krebsvorkommen in den Bächen und Flüssen
Unterfrankens durchgeführt werden. Sie ist Grundlage für die spätere Wiederansiedlung und den Neubesatz mit Krebsen.
Lob spricht Fischereidirektor Dr. Wondrak in diesem Zusammenhang den Wasserwirtschaftsämtern
und den Gemeinden für umfangreiche Maßnahmen bei der Renaturierung der Gewässer und bei der Abwasserklärung aus. Auch durch die Aktivitäten der Fischerei, insbesondere der
Hegefischereigenossenschaften der Fischervereine sowie der Fischereiverbände haben sich die Gewässerverhältnisse so weit verbessert, dass die Wiederansiedlung des Flusskrebses in ihnen
möglich ist. Bereits 2001 wurden erste Untersuchungen in den Haßbergen durchgeführt. In dieser Studie, bei
der alle potentiellen Flusskrebsgewässer erfasst wurden, konnte der kleinere Steinkrebs, der vorzugsweise in Quell- und Bachläufen zu finden ist, in 14 der untersuchten Abschnitte
nachgewiesen werden. Der Flusskrebs, sagt Dr. Wondrak, der standortgerecht in nährstoffreicheren und wärmeren Bach- und Flussläufen vorkommt, konnte damals leider nicht
nachgewiesen werden. Um die Flusskrebsbestände wieder aufzubauen und um der Verpflichtung zum Artenschutz
nachzukommen, hat die Fischereifachberatung des Bezirks deshalb in den Haßbergen Ende Oktober 2001 die Fließgewässer Baunach und Ebelsbach mit insgesamt 15 000 einjährigen Edelkrebsen
besetzt. Weitere Besatzmaßnahmen in anderen kleinen Fließgewässern wurden ebenfalls durchgeführt.
In den Folgejahren wurden entsprechende Kartierungen in den Landkreisen Rhön-Grabfeld und Bad Kissingen vorgenommen. In diesem Sommer werden die Gewässer des Steigerwaldes, des
Schweinfurter Beckens und des Fränkischen Weinlandes mit den Landkreisen Schweinfurt, Kitzingen und Teilbereiche von Main-Spessart erfasst. Die Besatzmaßnahmen werden dann im
nächsten Jahr fortgesetzt, Dr. Wondrak rechnet damit, dass das Artenhilfsprogramm für den Flusskrebs noch zwei bis drei Jahre laufen wird. Dann soll er in den Gewässern wieder heimisch
geworden sein. Für heuer sind für die Maßnahme 18 000 Euro vorgesehen, die je zur Hälfte vom Bezirk und aus der Fischereiabgabe finanziert werden.
Die Kooperation zwischen Fischereifachberatung und dem Forstamt besteht nun also seit zehn Jahren. Für die Verantwortlichen ein Grund, am Freitagvormittag auf den Erfolg anzustoßen. Und
natürlich durften auch ein paar kulinarische Köstlichkeiten vom Grill nicht fehlen. Nein, die als
Delikatesse geltenden Flusskrebse landeten dabei selbstverständlich nicht auf dem Holzkohlegrill, vielmehr ließ man sich leckere Häppchen vom Wildschwein schmecken.
Wer übrigens einen Flusskrebs im Weißfichtensee fängt, darf ihn getrost anschauen und dann wieder in den See geben. Dagegen haben die Fischereifachleute nichts. „Wann kann man schon
mal einen Edelkrebs in Händen halten“, gibt Dr. Wondrak zu bedenken. Wer die Tiere allerdings
tötet, mit nach Hause nimmt oder sie auf dem Grill brutzelt, der macht sich im Sinne des Paragrafen 293 des Strafgesetzbuches der Fischwilderei schuldig. Und die wird mit Geldstrafe oder
Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren bestraft. |